Unglaublich... es wird Herbst.Und je mehr sich diese Tatsache in meine Realität drängt, desto mehr wird mir bewusst, dass sich meine Zeit hier langsam dem Ende zu neigt. Als ich hier ankam, hatte der Sommer noch nicht einmal begonnen... an den Bäumen ahnte man noch die grünen Frühlingstriebe, die Wiesen waren fast so grün wie in Deutschland und übersät mit Blumen. Nun zeigen sich hier und da tatsächlich gelbe Spitzen an manchen Bäumen, die Tage und Nächte werden wieder merklich kühler (so dass ich mich hin und wieder am Abend mit einer Tasse heißem Tee zwischen den Händen vor meinen Computer packe! ... nun guuuut... sooooo kalt ist es eigentlich auch nicht... aber nach zwei Sommern in Folge hat das schon fast etwas aufregend exotisches an sich :D) und wenn ich am Morgen aufstehe, ist es noch dunkel draußen.
Vor einer Woche erwischte uns sogar ein Hagelsturm, der in manchen Stadtteilen ganze Häuser flutete, Windschutzscheiben und Fenster zerschlug und Vorgärten in Salat verwandelte. Auch hier im Haus lag das Verandadach in Scherben, während sich die Pflanzen im Schweizer-Käse-Design zeigten. Im Vergleich zu anderen Familien, deren Häuser nun für Wochen unbewohnbar sind, kamen wir jedoch recht glimpflich weg.
Noch sieben Wochen... dann ist meine Zeit hier in Melbourne beendet.

Dann werde ich das Stückchen Vertrautheit (...und die wohltuenden Ansätze einer gewissen Ortskenntnis... *lach*), das ich mir hier erarbeitet habe, aufgeben. Werde die Familie verlassen, allen, die mich hier begleitet haben, Lebewohl sagen und wieder ins Unbekannte aufbrechen. In mein groooßes Abenteuer... So wie sich herauskristallisiert, wird dieses wohl in Westaustralien stattfinden (...möchte man professionell wirken benutzt man in Konversationen am Besten im höchst selbstverständichem Tonfall das Kürzel „WA“, sehr sachsenfreundlich als „Dabbeljuäih“ auszusprechen) und hält wohl das ganz andere Australien bereit... und je mehr ich mich mit den konkreten Details beschäftige, Informationen einhole, Flüge recherchiere und Zeitpläne durchdenke, desto aufgeregter werde ich. Ich bin so dankbar, dass ich die letzte Zeit hier nicht allein verbringen muss. Freue mich schon sehr auf meinen Mitstreiter aus Deutschland, darauf, Aussichten, Einsichten und Einfälle zu teilen, freu mich auf all die Menschen, denen wir begegnen werden, all das Unerwartete und... nun ja... ich MUSS es sagen... auf die Korallenriffe, die tropischen Fische, die unendlichen Strände, die Sonnenuntergänge, die atemberaubend sein sollen und auf die Delphine. (Ich tue ja mein Bestes, meine Erwartungen nicht allzu hoch anzusetzen... aber das fällt nach einem Abendessen mit Quentons Tante nicht mehr so leicht... Sie hat wirklich fast ganz Australien bereist und mich von der Idee überzeugt, die Ostküste zugunsten des viel weniger besiedelten Westens aufzugeben...) Jaaaaa... all das macht doch den Abschied ein wenig leichter.
Und doch habe ich schon jetzt eine Ahnung, wie schwer es sein wird, all das, was mein Herz hier erobert hat, zurückzulassen.

Quentons Lächeln, wenn ich um die Ecke biege, das Getrappel der kleinen Füße, das vor meiner Zimmertüre verstummt um in ein unmissverständliches „Lass mich jetzt reeeheeeeeiiiiiin“ Geräusch zu münden, seine kleinen Hände, die energisch an meinen zerren, weil ich uuunbedingt etwas sehen muss... seine Zuneigung, die er mir einfach so schenkt.
Ich habe auch begonnen, ganz bewusst mit einigen Crossway-Leuten, sprich den Freunden, die ich durch die Gemeinde kennen gelernt habe, Zeit zu verbringen. Gemeinsam Kaffee trinken, Kino, Spaziergänge oder Eierkuchen essen (JAAAAAA es gibt hier - Himmel auf Erden - so eine Art Eierkuchen-Fastfood-Kette, den „Pancake Parlour“. Wer mich kennt, ahnt, was das für mich bedeutet *grins*... Schon allein das lesen der Karte hat meine Mundwinkel an die Ohren genagelt... herzhafte, süße, dicke, dünne, gestapelte und gefaltete Exemplare mit allem was dazu gehört *seufz*) und das bestmögliche aus der noch verbleibenden Zeit herausholen, die mit jedem Tag, der vergeht, kostbarer wird. Verrückt... die meisten von ihnen werde ich in diesem Leben vielleicht nie wieder sehen.

Das überhöht den Abschied irgendwie und bringt mich hin und wieder zum Nachdenken über die Endlichkeit dessen, was mich umgibt. So vieles von dem kann ich nicht festhalten, nicht konservieren. Manchmal werden Personen, Umstände, Bilder und Erlebnisse mir einfach an die Seite gestellt, begleiten mich ein Stück des Weges, fordern mich heraus, bereichern mein Leben, überraschen, hinterfragen, verändern mich und lassen mich irgendwann weiterziehen. Noch immer fällt mir das loslassen schwer. Und doch merke ich, dass sich während der Zeit hier in meinem Herzen etwas verändert hat. Ich merke, wie es mir mehr und mehr gelingt, dankbar für all das Gute zu sein, was erlebe. MEIN Leben und Erleben unabhängig ein wenig unabhängiger von dem der anderen zu machen und es als wertvoll anzuerkennen. Auch, wenn meine Pläne und Erwartungen nicht immer erfüllt werden. (*lächel* Ich höre mir gerade selbst zu und frage mich, ob das für andere in irgendeiner Form nachvollziehbar ist... ) Irgendwie bringt mich das in eine Balance. Ich schaffe es hin und wieder, meinen Blick zu erheben und meine Arme auszubreiten. Mein Herz zu öffnen für andere und das, was mich umgibt. Mich berühren und verändern zu lassen, meine Fehler zuzugeben und meine Schwächen und Grenzen anzuerkennen. Ich glaube keinesfalls, dass dieser Prozess erst hier begonnen hat und hoffe sehr, dass er noch nicht zum Abschluss gekommen ist. Vielleicht wirkten die Umstände hier als Katalysator... all die Freiheit und die Erfahrung, dass Gott liebevoll auf meiner Seite steht, mich ernst nimmt in meinen Ängsten und Bedürfnissen, dass ich Schritt für Schritt meinen Weg finden darf, auch dort, wo es augenscheinlich gar keinen gibt und dass dabei selbst im Scheitern ein Wert liegen kann.
Während ich das alles aufschreibe, wird mir klar, dass das Werte und Erfahrungen sind, die ich für mich gewonnen habe. Ich trage sie in mir. Kann sie mitnehmen... egal, wohin ich gehe. Auch wenn die Gabelung näher rückt, die meinen Weg von dem der Menschen hier trennt, auch wenn ich irgendwann all die überwältigenden Strände, die Papageien und Känguruhs (UND *sehrtieeeeefseufz* den Pancake Parlour) hinter mir lassen werde, wird mir all das, was sich in mein Herz eingeschrieben hat, bleiben.
Nun ja... und wie es im Leben eben so ist, beginnt meist genau da, wo etwas endet, etwas ganz Neues. In unserem Falle sogar ein neues Leben, denn die Familie hat seit dem 21. Februar ein neues Sonntagskind und Q nun einen kleinen Bruder. Arthur bereichert seitdem die Familie, lässt Q unheimlich groß aussehen und stellte nicht zuletzt meine hart erarbeitete Routine auf den Kopf - ein Umstand, der mich zeitweise sehr herausforderte und mich wirklich an die Grenzen des mir Möglichen brachte. Von einem Tag auf den anderen änderten sich die Anforderungen und Zeitpläne, die Aufgaben und Erwartungen, die an mich herangetragen wurden. Ich balancierte zwischen allen Beteiligten und versuchte, in alle Lücken zu springen, die ich sah, versagte dabei aber trotzdem am Anfang reichlich, da mein Erfahrungshintergrund doch nicht immer mit dem Familienalltag hier kompatibel ist. Jeder hat eben andere Prioritäten und hin und wieder ist es schwierig für mich, die Fremdperspektive einzunehmen und eben nicht von mir auszugehen.
Das kostete mich in den ersten Wochen viel Kraft und die Illusion, dass ich mit der notwendigen Anstrengung alle Fehler und Unstimmigkeiten vermeiden kann.
So musste ich mich immer wieder der Herausforderung stellen, über meine Befindlichkeit zu sprechen, die Situationen noch
mal durchzugehen und Korrektur einzufordern und anzunehmen. (...eine meiner LIEBLINGSbeschäftigungen...*stirnrunzel*)
Ich bin eben doch keine professionelle Nanny, die zudem über eine Allround-Ausbildung in
Haushaltsführung verfügt *lach*. Aber ich gebe mein Bestes, um meinen Platz hier bestmöglich auszufüllen. Dabei muss ich mir selbst die Option zugestehen, Fehler zu machen, muss Lösungsmöglichkeiten erproben und verwerfen dürfen. Vielleicht muss ich gar nicht alles auf Anhieb richtig machen. Vielleicht darf ich wachsen, lernen, vorwärts gehen, Schlachten verlieren und einen weiteren Versuch wagen. Interessanter Ansatz eigentlich... wäre doch glatt eine Überlegung wert. *lach*

Wie gut, dass mir jetzt, wo ich schon so viel gesehen und bereist habe, viel Zeit bleibt, um mich
genau an dieser Stelle
selbst immer wieder neu herauszufordern. Seit ich ein Fahrrad habe, erkunde ich nach dem „Ohne Orientierungssinn sieht man mehr von der Welt“ Prinzip die nähere Umgebung, versuche, die „1000 steps“, eine laaaaaange Treppe mitten im Regenwald mehrfach zu bezwingen und entdecke meine Kletterbegeisterung in der Halle nochmal neu.

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