Dienstag, 16. März 2010

Herbstgedanken oder: Bleibt alles anders.


Unglaublich... es wird Herbst.


Und je mehr sich diese Tatsache in meine Realität drängt, desto mehr wird mir bewusst, dass sich meine Zeit hier langsam dem Ende zu neigt. Als ich hier ankam, hatte der Sommer noch nicht einmal begonnen... an den Bäumen ahnte man noch die grünen Frühlingstriebe, die Wiesen waren fast so grün wie in Deutschland und übersät mit Blumen. Nun zeigen sich hier und da tatsächlich gelbe Spitzen an manchen Bäumen, die Tage und Nächte werden wieder merklich kühler (so dass ich mich hin und wieder am Abend mit einer Tasse heißem Tee zwischen den Händen vor meinen Computer packe! ... nun guuuut... sooooo kalt ist es eigentlich auch nicht... aber nach zwei Sommern in Folge hat das schon fast etwas aufregend exotisches an sich :D) und wenn ich am Morgen aufstehe, ist es noch dunkel draußen.


Vor einer Woche erwischte uns sogar ein Hagelsturm, der in manchen Stadtteilen ganze Häuser flutete, Windschutzscheiben und Fenster zerschlug und Vorgärten in Salat verwandelte. Auch hier im Haus lag das Verandadach in Scherben, während sich die Pflanzen im Schweizer-Käse-Design zeigten. Im Vergleich zu anderen Familien, deren Häuser nun für Wochen unbewohnbar sind, kamen wir jedoch recht glimpflich weg.


Noch sieben Wochen... dann ist meine Zeit hier in Melbourne beendet.

Dann werde ich das Stückchen Vertrautheit (...und die wohltuenden Ansätze einer gewissen Ortskenntnis... *lach*), das ich mir hier erarbeitet habe, aufgeben. Werde die Familie verlassen, allen, die mich hier begleitet haben, Lebewohl sagen und wieder ins Unbekannte aufbrechen. In mein groooßes Abenteuer... So wie sich herauskristallisiert, wird dieses wohl in Westaustralien stattfinden (...möchte man professionell wirken benutzt man in Konversationen am Besten im höchst selbstverständichem Tonfall das Kürzel „WA“, sehr sachsenfreundlich als „Dabbeljuäih“ auszusprechen) und hält wohl das ganz andere Australien bereit... und je mehr ich mich mit den konkreten Details beschäftige, Informationen einhole, Flüge recherchiere und Zeitpläne durchdenke, desto aufgeregter werde ich. Ich bin so dankbar, dass ich die letzte Zeit hier nicht allein verbringen muss. Freue mich schon sehr auf meinen Mitstreiter aus Deutschland, darauf, Aussichten, Einsichten und Einfälle zu teilen, freu mich auf all die Menschen, denen wir begegnen werden, all das Unerwartete und... nun ja... ich MUSS es sagen... auf die Korallenriffe, die tropischen Fische, die unendlichen Strände, die Sonnenuntergänge, die atemberaubend sein sollen und auf die Delphine. (Ich tue ja mein Bestes, meine Erwartungen nicht allzu hoch anzusetzen... aber das fällt nach einem Abendessen mit Quentons Tante nicht mehr so leicht... Sie hat wirklich fast ganz Australien bereist und mich von der Idee überzeugt, die Ostküste zugunsten des viel weniger besiedelten Westens aufzugeben...) Jaaaaa... all das macht doch den Abschied ein wenig leichter.


Und doch habe ich schon jetzt eine Ahnung, wie schwer es sein wird, all das, was mein Herz hier erobert hat, zurückzulassen.


Quentons Lächeln, wenn ich um die Ecke biege, das Getrappel der kleinen Füße, das vor meiner Zimmertüre verstummt um in ein unmissverständliches „Lass mich jetzt reeeheeeeeiiiiiin“ Geräusch zu münden, seine kleinen Hände, die energisch an meinen zerren, weil ich uuunbedingt etwas sehen muss... seine Zuneigung, die er mir einfach so schenkt.

Ich habe auch begonnen, ganz bewusst mit einigen Crossway-Leuten, sprich den Freunden, die ich durch die Gemeinde kennen gelernt habe, Zeit zu verbringen. Gemeinsam Kaffee trinken, Kino, Spaziergänge oder Eierkuchen essen (JAAAAAA es gibt hier - Himmel auf Erden - so eine Art Eierkuchen-Fastfood-Kette, den „Pancake Parlour“. Wer mich kennt, ahnt, was das für mich bedeutet *grins*... Schon allein das lesen der Karte hat meine Mundwinkel an die Ohren genagelt... herzhafte, süße, dicke, dünne, gestapelte und gefaltete Exemplare mit allem was dazu gehört *seufz*) und das bestmögliche aus der noch verbleibenden Zeit herausholen, die mit jedem Tag, der vergeht, kostbarer wird. Verrückt... die meisten von ihnen werde ich in diesem Leben vielleicht nie wieder sehen.

Das überhöht den Abschied irgendwie und bringt mich hin und wieder zum Nachdenken über die Endlichkeit dessen, was mich umgibt. So vieles von dem kann ich nicht festhalten, nicht konservieren. Manchmal werden Personen, Umstände, Bilder und Erlebnisse mir einfach an die Seite gestellt, begleiten mich ein Stück des Weges, fordern mich heraus, bereichern mein Leben, überraschen, hinterfragen, verändern mich und lassen mich irgendwann weiterziehen. Noch immer fällt mir das loslassen schwer. Und doch merke ich, dass sich während der Zeit hier in meinem Herzen etwas verändert hat. Ich merke, wie es mir mehr und mehr gelingt, dankbar für all das Gute zu sein, was erlebe. MEIN Leben und Erleben unabhängig ein wenig unabhängiger von dem der anderen zu machen und es als wertvoll anzuerkennen. Auch, wenn meine Pläne und Erwartungen nicht immer erfüllt werden. (*lächel* Ich höre mir gerade selbst zu und frage mich, ob das für andere in irgendeiner Form nachvollziehbar ist... ) Irgendwie bringt mich das in eine Balance. Ich schaffe es hin und wieder, meinen Blick zu erheben und meine Arme auszubreiten. Mein Herz zu öffnen für andere und das, was mich umgibt. Mich berühren und verändern zu lassen, meine Fehler zuzugeben und meine Schwächen und Grenzen anzuerkennen. Ich glaube keinesfalls, dass dieser Prozess erst hier begonnen hat und hoffe sehr, dass er noch nicht zum Abschluss gekommen ist. Vielleicht wirkten die Umstände hier als Katalysator... all die Freiheit und die Erfahrung, dass Gott liebevoll auf meiner Seite steht, mich ernst nimmt in meinen Ängsten und Bedürfnissen, dass ich Schritt für Schritt meinen Weg finden darf, auch dort, wo es augenscheinlich gar keinen gibt und dass dabei selbst im Scheitern ein Wert liegen kann.

Während ich das alles aufschreibe, wird mir klar, dass das Werte und Erfahrungen sind, die ich für mich gewonnen habe. Ich trage sie in mir. Kann sie mitnehmen... egal, wohin ich gehe. Auch wenn die Gabelung näher rückt, die meinen Weg von dem der Menschen hier trennt, auch wenn ich irgendwann all die überwältigenden Strände, die Papageien und Känguruhs (UND *sehrtieeeeefseufz* den Pancake Parlour) hinter mir lassen werde, wird mir all das, was sich in mein Herz eingeschrieben hat, bleiben.


Nun ja... und wie es im Leben eben so ist, beginnt meist genau da, wo etwas endet, etwas ganz Neues. In unserem Falle sogar ein neues Leben, denn die Familie hat seit dem 21. Februar ein neues Sonntagskind und Q nun einen kleinen Bruder. Arthur bereichert seitdem die Familie, lässt Q unheimlich groß aussehen und stellte nicht zuletzt meine hart erarbeitete Routine auf den Kopf - ein Umstand, der mich zeitweise sehr herausforderte und mich wirklich an die Grenzen des mir Möglichen brachte. Von einem Tag auf den anderen änderten sich die Anforderungen und Zeitpläne, die Aufgaben und Erwartungen, die an mich herangetragen wurden. Ich balancierte zwischen allen Beteiligten und versuchte, in alle Lücken zu springen, die ich sah, versagte dabei aber trotzdem am Anfang reichlich, da mein Erfahrungshintergrund doch nicht immer mit dem Familienalltag hier kompatibel ist. Jeder hat eben andere Prioritäten und hin und wieder ist es schwierig für mich, die Fremdperspektive einzunehmen und eben nicht von mir auszugehen.

Das kostete mich in den ersten Wochen viel Kraft und die Illusion, dass ich mit der notwendigen Anstrengung alle Fehler und Unstimmigkeiten vermeiden kann.

So musste ich mich immer wieder der Herausforderung stellen, über meine Befindlichkeit zu sprechen, die Situationen noch

mal durchzugehen und Korrektur einzufordern und anzunehmen. (...eine meiner LIEBLINGSbeschäftigungen...*stirnrunzel*)

Ich bin eben doch keine professionelle Nanny, die zudem über eine Allround-Ausbildung in

Haushaltsführung verfügt *lach*. Aber ich gebe mein Bestes, um meinen Platz hier bestmöglich auszufüllen. Dabei muss ich mir selbst die Option zugestehen, Fehler zu machen, muss Lösungsmöglichkeiten erproben und verwerfen dürfen. Vielleicht muss ich gar nicht alles auf Anhieb richtig machen. Vielleicht darf ich wachsen, lernen, vorwärts gehen, Schlachten verlieren und einen weiteren Versuch wagen. Interessanter Ansatz eigentlich... wäre doch glatt eine Überlegung wert. *lach*

Wie gut, dass mir jetzt, wo ich schon so viel gesehen und bereist habe, viel Zeit bleibt, um mich

genau an dieser Stelle

selbst immer wieder neu herauszufordern. Seit ich ein Fahrrad habe, erkunde ich nach dem „Ohne Orientierungssinn sieht man mehr von der Welt“ Prinzip die nähere Umgebung, versuche, die „1000 steps“, eine laaaaaange Treppe mitten im Regenwald mehrfach zu bezwingen und entdecke meine Kletterbegeisterung in der Halle nochmal neu.


Und so fliegt sie dahin, die Zeit, die mich lehrt, beschenkt, herausfordert und verändert. Schwemmt mich in Richtung Ufer, das ein neuer Anfang sein wird. Der Beginn einer neuen Zeit, die mich lehren, beschenken, herausfordern und verändern wird. Und die auf ihre Art und Weise wertvoll sein wird. Mit Sicherheit.


Mittwoch, 3. Februar 2010

Überraschende Umwege und neue Perspektiven


Regen. WAS für eine Erfindung! Er wäscht sie einfach weg, die Hitze, bringt die Welt zum duften und mich wieder zurück ins Leben... und das einfach so! Eigentlich liebe ich sie ja, die richtig heißen, flimmernden Sommertage aber der Umstand, dass ich meine Vorstellung von „richtig heiß“ hier ganz neu überdenken muss und die allgegenwärtige Trockenheit machen mir doch mehr zu schaffen als gedacht und lassen mich erkennen, dass so ein Regentag doch etwas ganz wunderbares ist! Mir gab er heute die Gelegenheit, meine persönliche Fahrradsaison zu eröffnen und endlich mein Fahrrad auszuprobieren, das eine Freundin der Familie vor geraumer Zeit für mich vorbei gebracht hat. Wie HAB ich das vermisst! Und bin ich über die Straßen und Wege geflogen, habe den Regen genossen und den unwiderstehlichen Duft der Pfirsichbäume. Habe über den Inhalt dieses Posts sinniert und dafür noch einmal all die Ereignisse der letzten Wochen und geordnet, die doch sehr reichhaltig waren.


Denn ich hatte Besuch aus Deutschland.

Thomas hatte sich tatsächlich für 24 Stunden ins Flugzeug gesetzt, um aus dem Rekordwinter Deutschlands direkt in den Hochsommer Australiens zu fliegen und hier zweieinhalb Wochen Mücken und Sonnenbrand aufs hartnäckigste zu bekämpfen.


Um dem langen Flug zumindest annähernd gerecht zu werden, wurde jegliches Jetlag direkt weggelassen...

...und sofort damit begonnen, so viel wie nur möglich von Australien zu sehen. Der kleine Mietwagen (den ICH im Übrigen SOFORT ins Herz geschlossen hatte, als ich ihn zum ersten mal sah: Klein und gelb hockte er in seiner Parklücke und zwinkerte sooooooooo verlassen mit seinen runden Augen… ich MUSSTE ihn einfach lieb haben und verzieh ihm schon im Voraus jeglichen Mangel an PS! Wen interessiert schon die LEISTUNG…!) hatte ordentlich zu tun: Nicht nur mit den wahrhaft australischen Entfernungen, die wir zurücklegten, um Wellen, Strand und Tiere aller Art zu sehen, sondern auch mit dem australischen Wetter, das hin und wieder mal alle Grenzen sprengte. Jaaaaa: 35 Grad sind WIRKLICH heiß aber… steigerungsfähig. Während in Deutschland offensichtlich ein Rekordwinter die Temperaturbereiche nach unten hin sprengte, erlebte ich hier die ersten 45 Grad meines Lebens. Unfassbar: Sobald man das Haus verließ, wähnte man sich im Backofen, wobei Wind sich tatsächlich anfühlte wie die Luft eines überdimensionalen Föns. Damit fiel die Entscheidung an diesem Tag eindeutig für die verdunkelten Innenräume unseres (erwähnte ich es nicht bereits… NICHT klimatisierten) Hauses, in denen ich mit Q auf den Abend wartete. Der brachte dann eine Abkühlung auf 33 Grad, womit sich der Nachtschlaf, nun ja… dezent verkürzte. Aber auf Melbournes Wetter ist Verlass: Bietet es einem auch nicht an jedem Tag die vier Jahreszeiten, so doch zumindest innerhalb einer Woche. Und als ich mich nicht einmal 5 Tage später am Abend mit Jeans, Pullover und Fleecejacke auf der Terrasse wiederfand, war all die Hitze kaum noch vorstellbar.


Für all unsere Unternehmungen allerdings, traf die Wetterzentrale immer genau die richtige Wahl:

Erstaunlicherweise schienen wir fast immer zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Das hat selbst mich hin und wieder mal sprachlos gemacht (...wenn auch nur vorübergehend. Hatte ich doch ENDLICH mal jemanden, über den ich meine "OOOOAAAHHRR ist das SCHÖÖÖÖÖÖÖÖÖN… IST das SCHÖHÖÖÖÖÖÖN!!!" Ausbrüche ausschütten konnte. Und das hab ich auch genutzt - so oft es nur ging!) So konnte ich mit meinem kleinen Bodyboard die meterhohen Wellen auf Mornington Peninsula bezwingen (obwohl… die Frage, wer wen bezwang ist wohl schlussendlich noch nicht ganz geklärt…), endlich einiges zu Fuß erkunden, was mit dem Auto nicht zugänglich ist und meine Surfkünste weiter ausbauen. *hust* Ich fürchte, es liegt noch ein weiter Weg vor mir… immerhin habe ich es geschafft für ein paar Sekunden auf dem Brett zu stehen - MEHRMALS! :) Dafür ließ ich mich von etlichen

Wellen ordentlich zusammenfalten, schluckte einiges an Meerwasser und kassierte schlussendlich einen ordentlichen Sonnenstich (während Thomas mit einem paar verbrannten Füßen heimging)… nichts gibt's für umsonst! Die Kombination aus Sonne, Salzwasser UND meiner Vergesslichkeit, der ich zu verdanken hatte, dass ich außer einem Kaffee am Morgen den ganzen Tag nahezu nichts trank, brachte mich komplett und sehr nachhaltig zur Strecke, um weite Teile meines Nachtschlafes und um die Great Ocean Road. Die war Teil eines Drei-Tages Trips, der für die anschließenden Tage geplant war und bedeutete für mich vor allem: Schlaf. Eingequetscht auf der Rückbank des kleinen Hyundays ließ ich mit geschlossenen Augen all die schönen Dinge lethargisch an mir vorüberziehen, hin und wieder gequälte Laute von mir gebend, die Thomas meiner Existenz versichern sollten. Der gab schließlich gegen 16.00 Uhr auf und mich in einem Hostel ab, wo ich mich selig ins Bett schleppte und sofort einschlief. Wie gut, dass ich die Great Ocean Road schon vorher gesehen und Bilder der 12 Apostels, die Thomas an diesem Abend allein besuchte, bereits auf dem Computer und noch im Herzen hatte…

Diese Erfahrung und Umstand, dass ich einen weitere Tag brauchte, um wieder voll einsatzfähig zu sein, hat mich von nun an untrennbar an Sonnenhut und Wasserflasche geschweißt… Auf dass es das LETZTE Mal war, dass mir sowas passiert.


Von der Great Ocean Road aus fuhren wir in die Grampians,

überraschend bergige Landschaft, ca. 200km südwestlich von Melbourne gelegen. Wie gut es tat, wieder einmal Berge zu sehen! Hatte man die erst einmal erklommen, breitete sich vor einem ein dunkelgrünes Meer von Eukalyptusbäumen aus, hin und wieder durchzogen von rotbraunen Linien - "Unsealed Roads", die direkt ins Abenteuer führten. Genau aus diesem Grund konnten auch wir dem Ruf der Wildnis nicht immer widerstehen und begaben uns hin und wieder auch auf eine solche… nun ja… gelinde gesagt "Schotterpiste".


Da die Geländetauglichkeit des kleinen gelben Getz' allerdings mehr im mentalen als im technischen Bereich lag, ließ sich das nur mit gutem Zureden, Luftanhalten, und einer großen Portion Zuversicht bewerkstelligen, was uns schlussendlich meist dazu bewog, doch lieber umzukehren und die wesentlich komfortablere Straße zu wählen.

Doch im Herzen, da bin ich mir sicher, hat er Allradantrieb und guuuutes Profil, der kleine gelbe Flitzer und ich glaube eine kleine Träne in seinen Lichtern erkannt zu haben, als wir uns für den Rückzug entschieden.


Gelohnt haben sich die Abstecher in den australischen Busch aber allemal. Nicht nur die Mächtigkeit der Vegetation beeindruckte mich hier sehr, sondern auch die Bewohner, die sie beherbergte. Hier, abseits der Straßen, kreuzten Emus unseren Weg und reckten verdutzte Kängurus ihre Nasen aus dem hohen Gras, während ein Echidnas seinen stacheligen Hintern ins Unterholz schob, als es uns sah. Sosehr ich mich doch auch schon an manches hier gewöhnt habe… all die Tiere, die hier so selbstverständlich da und dort auftauchen, machten mich doch immer wieder neu fassungslos.



HALLO!? Da hüpft ein KÄNGURUH durch den Wald… kein Reh… NEIN! Ein Känguruh… Wahnsinn. In solchen Momenten steht die Welt für mich noch immer Kopf.


Nach dem Drei-Tage-Probelauf der ersten Woche nahmen wir in der zweiten Woche schließlich DAS Vorhaben in Angriff...,

...packten Koffer, Zelt und vieeeel Sonnencreme in den nunmehr roten Leihwagen, entfalteten unsere überragend

undetaillierte "Landkarte" und brachen am 20.01. gegen 6:30 Uhr

in Richtung

Sydney auf. Ein echter Roadtrip entlang der Küste, mit allem, was dazu gehört. Fast 1000 km in fünf Tagen, sich treiben lassen, die Fahrt genießen, am Morgen nicht wissen, wo man am Abend landen wird und spontan entscheiden können, wo man bleibt und entdeckt. Fünf Tage lang Kampf mit den Elementen

und existenziellen Bedrohungen: Fünf Tage lang kein Kühlschrank, kein Bett UND keine Kaffeemaschine… doch auch DAS konnte uns nicht aufhalten! *räusper*



Tatsächlich verlief alles wirklich wunderbar… im wahrsten Sinne des Wortes. Wir sahen unheimlich australische Örtchen

und verlassene Landstriche, in denen man stundenlang kein Haus entdeckte. Wir begegneten riesigen Trucks und unheimlich gut aussehenden Oldtimern, entdeckten einsame Strände und wilde Küstenstriche, bei denen man hinter jeder Wegbiegung Frodo und die Gefährten auf der Suche nach dem Ring erwartete. Vor uns entfalteten sich glasklare Lagunen mit türkisblauem

Wasser und die Rufe der Bellbirds, die, Echoloten gleich, den Wald ausfüllten. Wir begegneten Robben, stacheligen Fischen und strahlend bunten Papageien, Delphinen und Pinguinen.

Entdeckten wunderschöne Muscheln und hin und wieder Relikte aus der Zeit der ersten Einwanderer, die das Ende einer Jahrtausende alten Geschichte einläuteten.


Auch wenn man äußerst selten und fast nie zufällig auf Anzeichen der Aboriginals stößt, bewegt mich doch der Gedanke sehr, dass all das Land, das ich mir hier erschließe, eigentlich ihr Eigentum ist. Hin und wieder, wenn sich genau das in mein Bewusstsein drängt, fühle ich mich wie ein Eindringling, der in einem fremden Haus herumstöbert, ein Haus, dessen Türen offen standen für die Ankömmlinge, ein Haus, das nun leer steht, weil dessen Einwohner nicht mehr

willkommen waren. Soweit ich herausfinden konnte, überließen die Aboriginals ihr Land

den Einwanderern im Unterschied zu anderen Völkern weitgehend kampflos. Weil sie sich selbst als Eigentum des Landes wahrnehmen… nicht umgekehrt - eine Sichtweise, die angesichts der überwältigenden Schönheit und Mächtigkeit dieses Kontinents für mich durchaus nachvollziehbar erscheint. Der Umstand, dass ihnen daraufhin so viel Unrecht geschah und ihr Vertrauen an so vielen Stellen offensichtlich schamlos ausgenutzt wurde, geht mir wirklich nah. Auch, weil das Schuldbewusstsein der nicht-indigenen Bevölkerung kaum zu erkennen ist und die Aufarbeitung der eigenen Geschichte hier offensichtlich deutlich weniger intensiv geschieht als ich es selbst von meinem Land kenne. Sicherlich kann man die beiden Nationen nicht vergleichen aber dennoch irritiert mich der unbefangene und meiner Meinung nach ein wenig unterreflektierte Stolz der Australier auf "ihre" Nation ein wenig. Sie scheinen hier noch einen Weg zu gehen haben… und haben in den letzten Jahren offensichtlich begonnen, ihre Schuhe zu schnüren, um erste Schritte zu gehen.


Nun ja. Unser Weg durch ihr schönes Land wird mir jedenfalls immer als besonderes Erlebnis in Erinnerung bleiben.

Als spannende, bunte und gesegnete Zeit, in der einfach alles zur richtigen Zeit am richtigen Ort eintraf: Die Sonne, die Wolken, die Tiere und wir, die wir all das mit Augen, Ohren und Fotoapparat festzuhalten versuchten: Vielleicht sollte auch ICH jetzt über eine Festplatte im Terrabite-Bereich nachdenken… denn der finale 4-Wochen-Roadtrip liegt ja noch VOR mir (und rückt unaufhaltsam näher!!!)


All die Irrationalität, die sich bereits durch die ganze Woche gezogen hatte, kulminierte schließlich am vorletzten Tag,... ...der schlussendlich sogar MICH sprachlos machte (…von meinem Mitstreiter ganz zu schweigen *grins*) und alles überbot, was wir an „Zur-richtigen-Zeit-am-richtigen-Ort-Momenten“ in der vorangegangenen Zeit erlebt hatten.


Denn was auch immer dazu geführt hatte, kurz vor unserer Ankunft in Sydney schafften wir es tatsächlich nicht, uns zur angedachten Zeit für einen Zeltplatz an der Strecke zu entscheiden, geschweige denn einen zu finden! Ob es nun eine ungünstige Kombination aus Übermut und Unentschiedenheit oder einfach nur Pech war: Fakt war, dass wir am Abend des 23. Januars zwar weiter gekommen waren, als ursprünglich gedacht, aber weder Zeltplatz noch Hostel auch nur in Sichtweite waren. Der Umstand, dass sich unsere Tanknadel dem roten Bereich der ihr eignen Skala nicht mehr allzu lange widersetzen würde, machte mich in diesem Moment noch nicht wirklich nervös, unterstrich aber doch die Dringlichkeit unseres Vorhabens, jetzt endlich einen Platz zum Schlafen UND Tanken ausfindig zu machen. Dies gestaltete sich jedoch schwieriger als gedacht: Offensichtlich genoss die Region, die wir gerade durchquerten nicht gerade den Status eines Urlaubsgebietes, was zur Folge hatte, dass sich sowohl Zeltplätze als auch sehr rar machten. Dies änderte sich auch nicht, als wir uns entschieden, unser Glück im „Royal National Park“ zu versuchen, hatte allerdings den Effekt, dass wir von der auf unserer „Karte“ verzeichneten Strecke abwichen und nur noch eine vage Ahnung davon hatten, wo wir eigentlich waren. Nun ja... Auch wenn meine Entspanntheit der Situation hartnäckig stand hielt (... was mich ehrlich gesagt gründlich überraschte!), entschied ich spätestens in diesem Moment, dass wir vielleicht doch Hilfe gebrauchen könnten.

Noch bevor ich Gott nachhaltig klarmachen konnte, dass - äääähhhhm - unsere Situation in den nächsten zwei Stunden eventuell sein Eingreifen erforderlich machen könnten, entdeckte ich auch schon ein am Straßenrand geparktes Auto mitsamt seiner sympatischen Inhaber, die gerade im Begriff waren, ihren Besuch des Nationalparks zu beenden.

Ich hüpfte also aus dem Auto (...wobei ich spontaaaan all die Kleinteile mit mir riss, die sich im Laufe der Fahrt irgendwie in meiner Fußgrube abgelagert hatten...), nahm sie in Beschlag und fand heraus, dass wir für den Erwerb einer Zelterlaubnis bereits zu spät dran waren, es aber laut Autoatlas irgendwo „ganz in der Nähe“ („Ganz in der Nähe“!?...VERDÄÄÄÄÄÄCHTIG verdächtig!) einen Zeltplatz gäbe, der eventuell noch Asylsuchende wie uns aufnehmen würde. Das war UNSERE Hoffnung! Wir folgten also der Beschilderung, die uns gefühlte fünf Stunden durch nicht enden wollenden Urwald schickte (guuuut... VIELLEICHT spielt mir die Erinnerung jetzt DOCH einen Streich *räusper*) und fanden tatsächlich besagten Zeltplatz: Wunderschön gelegen, offensichtlich gut besucht und im Grunde „No-Go-Area“, wenn man, wie wir, nicht schon zwei Wochen vor Ankunft gebucht UND bezahlt hatte.


Angesichts unseres Tanks und der Tatsache, dass man in unserem Auto beim besten Willen nicht übernachten konnte, verlor das jedoch irgendwie an Relevanz... wir MUSSTEN irgendwie eine Lösung finden... und plötzlich fand sie uns:

Auf der Suche nach einem Zeltplatzmanager kam ich mit einer Familie ins Gespräch, denen ich unsere Situation schilderte, was sie kurzerhand dazu bewegte, uns ein Fleckchen ihrer gemieteten Fläche anzubieten. Nun... noch bevor unser Zelt aufgebaut war, steckten schon ein zwei eisgekühlte Flaschen tasmanischen Bieres vor uns im Gras, mit denen wir uns schlussendlich im familieneigenen Zelt wiederfanden, gemeinsam mit zwei warmherzigen australischen Ehepaaren und ihren Kindern. Was für ein Abend... wir philosophierten über Deutschland, Australien und die Welt, ließen uns von den riiiiiieeeeesiiiiiigen Guanas berichten, die angeblich über den Zeltplatz flanierten und verließen schließlich das Zelt mit einer Übernachtungsmöglichkeit für Sydney. Eine der beiden Familien wohnte tatsächlich in der Stadt... 20 Bahnminuten vom Zentrum entfernt, 10 Autominuten bis zum Flughafen und bot uns an, in ihrem... nennen wir es „Gartenhäuschen“ zu übernachten. Und so ersparten sie uns eine nervenaufreibende Hostelsuche, schenkten uns eine Nacht in einem richtigen Bett, unheimlich interessante Gespräche an ihrem Küchentisch und machten mich, wie erwähnt, sprachlos. Um Sydney wirklich zu genießen, war ich am Ende viel zu müde. Ich machte meine Fotos von Oper und Harbour-Bridge und rettete mich einfach irgendwie durch den Tag.


Als ich am nächsten Tag mein Flugzeug Richtung Melbourne bestieg und aus dem Fenster Thomas in Richtung Deutschland starten sah, konnte ich nur staunen, wie wunderbar alle Faktoren zusammengespielt hatten. Was sich nicht manchmal alles hinter der nächsten Wegbiegung verbirgt und wie wie überraschend bereichernd ein Umweg doch am Ende sein kann... das macht Lust auf mehr und gibt mir nicht zuletzt Hoffnung für meine Zukunft.