Freitag, 20. November 2009

Zeitsprünge und andere Übungen

Unglaublich wie schnell die Zeit vergeht.

In der ersten Woche tröpfelten die Stunden so langsam vor sich hin, dass ich schon nach drei Tagen eine Art von "Mann bin ich schon lange hier"-Stolz entwickelte… und plötzlich bin ich schon mehr als vier Wochen hier (und verfehle NOCH IMMER hin und wieder den Eingang in unsere Straße… nein, nicht weil ich die Kurve nicht kriege, sondern weil ich die Straße nicht wiederkenne. Manche Dinge ändern sich wohl nur schwerfällig… Nicht wahr, Sabine: Ganz Chemnitz ist voll von "Wohnte-hier-nicht-der-Benny?-Straßen"! Zumindest für MICH!).

Ich fühle mich, als sei irgendwann ein Damm gebrochen… Nun reißt es mich fort - quer durch die Zeit - und ich schwimme so gut ich kann. Versuche, meinen Kopf über Wasser zu halten um so viel zu sehen wie möglich. Und genieße das Gefühl, hin und wieder den Boden unter den Füßen zu verlieren und etwas ganz neues zu wagen.


In den letzten Tagen steckte mein Kopf allerdings mehr in unserem Küchenschrank als im Wasser :)

Dort wühlte er sich durch Berge von Nudel-und Haferflockenpackungen, Zwiebeln und Tonnen von Dosentomaten und erdachte ein System um genau diese gebührend zu archivieren: Ein bisher unbekannter Teil meiner selbst scheint doch einen Hauch deutscher Ordnungsliebe konserviert zu haben.

Jedenfalls erntete ich gehörigen Beifall, nachdem ich meine Aufräumarbeiten abgeschlossen hatte und jaaaaa, sie gehen nun davon aus, dass den Deutschen die Ordnung im Blut liegt… aufgrund MEINER unglaublichen Leistung! :D



Und so haben wir in der letzten Woche doch recht viel gearbeitet: DIe Steffi kroch durch die Schränke, Q verteilte deren Inhalt mit seeeehr geschäftigem Blick überall im Haus und unser Zuwachs, die Katzenbabys, hatte dann seinen Spaß damit… was Steffi wiederum dazu bewog, all die guten Dinge wieder einzusammeln und so das Spiel von vorn beginnen zu lassen. Hach ja… man muss ja auch mal was TUN für sein Geld!


Nebenher koche ich mich, verantwortlich für 3 warme Abendessen in der Woche, quer durch alle Kochbücher und probiere die wildesten Kreationen aus: Frei nach meinem Motto: Je übler es klingt, desto besser schmeckt es. Ich wurde gleich nach meiner Ankunft ermutigt, zu kochen was ich möchte. Gleichzeitig wurde mir versichert, dass sie alles, aber auch wirklich alles essen würden. Nun…dann reize ich diese Gelegenheit so richtig aus! Bisher haben sie Wort gehalten und ich echt was dazu gelernt!

Probanden, die das Ergebnis meiner Experimentierphase im eigenen Leib erleben möchten, können sich ab sofort anmelden! Für das Jahr 2010 sind noch einige Plätze frei… :D



Doch nicht nur in der Küche gewinne ich neue Erkenntnisse, auch meine freien Tage halten genügend Lernpotenzial bereit.

In den letzten beiden Wochen hab ich die damit verbracht, in der Goldgräberstadt Ballaret Goldbarren im Wert von über 100.000 AUD in die Kamera zu halten, die Küste von Mornington Peninsula zu erkunden und in Melbourne Parkplätze zu suchen. Stundenlang. Das nächste Mal fahr ich mit dem Zug rein. Oder nehme Kleingeld mit… Das braucht man nämlich, um dem Parkautomaten einen entsprechenden Parkschein zu entlocken, der dann wiederum verhindert, dass man ein Knöllchen bekommt. Bei den Preisen hier wohl eher eine Knolle… denn wenn es stimmt, was man so hört, zahlt man für Falschparken hier schnell mal 60 AUD. Also hab ich zunächst tatsächlich versucht, am Sonntag einen kostenlosen

Parkplatz zu finden um dann nach einer Stunde sinnlosem linksabbiegen-rechtsabbiegen-linksabbiegen-rechtsabbiegen das Objekt "Geldautomat" zum temporären Primärziel zu erklären. Als ich dann endlich entsprechenden Automat der richtigen

Bank (WÄHREND der Fahrt) geortet hatte und das ihm entlockte Geld in Münzen getauscht hatte, war der Nachmittag im Grunde gelaufen.

Denn ich war komplett durchgeschwitzt, mit den Nerven fast am Ende, hatte nur einen Parkplatz für 2,5 Stunden und dafür fast ebenso viel bezahlt, wie für eine 2-Zonen Tageskarte. "Just criminals pay cash" hat James mir beigebracht… dafür sind Kriminelle aber wenigstens in der Lage Parkscheine zu lösen… und Straßenbahntickets. Wäre also eine Überlegung wert... :)

In der Straßenbahn bereicherte mich meine chronischer Kleingeldmangel allerdings um ein ziemlich lustiges Erlebnis.

Denn ich war schon eingestiegen, als ich in die leeren, dunklen Schluchten meines Portemonnaies schaute und feststellte, dass ich mit dem nächstbesten Metlink-Officer wohl ein kleines Problem haben würde, da auch hier die Automaten weder Karten noch Scheine nehmen. Gut, im Ernstfall hätte man immer noch die Survival-Kombi anwenden können: Unschuldig verunsichertes Lächeln, herzallerliebster Augenaufschlag und deutscher Touri-Akzent der allerfeinsten Sorte, in dem jegliche Ansätze eines korrekt intonierten "th" eliminiert wurden… Aber da ich mein Geheimwaffen-Arsenal doch nicht überstrapazieren wollte, entschied ich mich für die legale Variante: Das Bezahlen. Was voraussetzte, dass der Schein in Münzen umgewandelt werden musste (wenigstens hatte ich HIER Geldscheine dabei… im Gegensatz zu meiner Park-Odyssee). Ich fragte also das erstbeste Pärchen, das ich in der Bahn erspähte, ob sie mir 5$ kleinmachen könnten, was sie mit - ich übersetze - "Leider nicht, wir haben auch gerade ein Ticket gekauft" freundlich verneinten. Allerdings nur solange ich mich ihnen zuwandte… Denn als ich mich umdrehte, um meine Suche an anderer Stelle fortzusetzen, ließ sie sich doch tatsächlich zu einem "Also… sowas WEIß man doch eigentlich…!" hinreißen - auf DEUTSCH. Tja… ich musste mich nur umdrehen und "Ja… ich glaub, ich bin dafür einfach noch zu neu hier" sagen, um sie zum Erröten zu bringen, wobei ihr Freund den Voupas frenetisch feierte. DIE Lektion habe auch ICH gelernt…


Ansonsten habe ich mein Auto vor allem außerhalb der Stadt durch das Land gescheucht.

Gemeinsam mit zwei anderen Aupairs habe ich Ballarat besucht und dort mal

das volle Touristenprogramm mitgenommen: Wir haben uns eine nachgebaute Goldgräberstadt angeschaut, die zeigte, wie Menschen vor über hundert Jahren hier ihr ihr Glück gesucht haben und haben Goldnuggets und andere wertvolle Dinge im Goldmuseum bewundert. Auch in den letzten Jahren wurden hier noch riesige Nuggets gefunden, nur 35 cm unter der Erdoberfläche. Vielleicht solle ich meine berufliche Laufbahn nochmals überdenken…



Ein wenig Goldstaub durfte ich bereits jetzt schon schnuppern. Denn ungeachtet der Tatsache, dass gerade Mittagspause war, spazierten wir einfach in ein Gebäude der nachgebauten Stadt und trafen dort auf einen höchst sympatischen Australier, der äußerst gut gelaunt war und sich von uns bereitwillig um den Finger wickeln ließ. Erst scherzten wir ein wenig, dann funkelte er uns an, öffnete eine eine Tür, dann einen Tresor und drückte uns einfach einen Goldbarren in die Hand, um uns DAS Foto schlechthin zu bescheren. Wahrscheinlich gefielen wir ihm einfach… die drei jungen deutschen Nannys :D Denn alle anderen durften das Gold später nur aus gebührender Entfernung betrachten, geschweige denn berühren!


Auf dem Rückweg nahmen wir dann einen kleinen Umweg (Ha! Die Metamorphose meines Entfernungsempfindens ist abgeschlossen… ich spreche hier nämlich von 100 km!) und wählten den Weg durch den Bush. Wir

folgten schmalen Straßen, die komplett ohne Häuser, Tankstellen, Geschwindigkeits- oder Richtungsschild auskamen, dafür aber von Känguru-Warnhinweisen und lustigen Briefkästen gesäumt waren die meiner Meinung nach ziemlich gut widerspiegeln, was ich von den Australiern bisher kennen gelernt habe: Jedem seine kleine Meise :) (Oder wie besagter Mitarbeiter uns im Zuge unserer lustigen Konversation zuraunte: "Should I tell you something about the Aussies? We Are straaaaange." Ja. Hab ich auch schon gemerkt!) …Aber das ist mir nochmal einen Extra-Post wert!


In dieser Woche umrundeten wir schließlich die Bucht, in der Melbourne liegt und besuchten die Gegend um Mornington Peninsula. Das Wetter war soooo toll und die Strände einfach atemberaubend. Glasklares Wasser, in dem ich sogar eine Handvoll bunt gepunkteter Fische gesehen habe. Ich glaube, ich war die ganze Zeit nur damit beschäftigt all die kleinen Strandwunder zu suchen und zu finden und buddelte mich so durch die Gegend. Zumindest sieht das auf den Fotos so aus, die ich von den anderen Mädels bekommen habe… wie VORTEILHAFT! Genau aus DEM Grund fotografiere ich lieber SELBST!






Da meine Kamera allerdings in Wilsons Prom Sand verschluckt hat, kann ich genau das nicht. Glücklicherweise hat man sich ihrer angenommen, ist allerdings bisher noch nicht zu einem befriedigendem Resultat gelangt. Ich hoffe auf Wiederherstellung und bete um Heilung - und bin bis dahin abhängig von den anderen…


Nur noch reichlich drei Wochen und dann buddelt sich meine Sabine MIT mir durch den australischen Sand. Dann kriegen wir uns gar nicht mehr ein vor Begeisterung, werfen uns gemeinsam in die Wellen und in den Wetsuit. Dann wird Bekanntschaft mit Tasmanien gemacht und die Great Ocean Road verunsichert - Aber so RICHTIG! Ohhhh wie ich mich freue! Bis dahin klaube ich Katzenbabys aus Vorhängen, jage Q kichernd um den Tisch und lasse meiner Ordnungswut freien Lauf… vielleicht auch mal in MEINEM Zimmer! :D

Montag, 9. November 2009

Mächtig gewaltig


Hatte ich mich eigentlich JE über das Wetter beschwert?


Ich hebe meine Hände, hisse die weiße Flagge und nehme alles zurück!

Denn die Regenwolken haben uns verlassen und hinterlassen einen strahlend blauen Himmel, der viiieeeel Platz für die Sonne bietet. Welche diesen voll nutzt und uns Temperaturen um die 30 Grad beschert. Das wird seitens der Australier mit Barbecues, reduzierter Kleidung, Sonnencremeschichten und Klimaanlagen honoriert: Der Sommer ist da. Aber wie! …Was die Melbournianer allerdings nicht davon abhält, ihre Stadt dezent weihnachtlich zu dekorieren. Mit Weihnachtsbäumen, Sternen und JAAAA Schneeflocken. Weihnachtsbäume und Sterne… OK. Das verkraftet mein Erzgebirgsherz GERADE noch so. Aber WER bitte ist auf diese Schneeflocken-Idee gekommen? Bestimmt derjenige, der entschieden hat, erwähnte Klimaanlagen zu solchen Höchstleistungen zu treiben, dass man bei Betreten des Supermarktes am liebsten die Skibekleidung anlegen möchte. Wohl eine Reminiszenz an die Novemberkälte in Good old Europe?

Ich für meinen Teil habe mein Räuchermännchen schon mal rumgezeigt und seine Inbetriebnahme angekündigt. Und beim Anblick meines Magic Snow Powders (hahaaa… wer es noch nicht kennt darf gespannt sein!) zucken mir hin und wieder die Hände. Aber NOCH ist die Zeit nicht gekommen… NOCH nicht!



Die Zeit bis zum ersten Adventssonntag

überbrücke ich derweilen mit Q, Supermärkten, Putz- und Kochutensilien, Wäsche, Parks und - nicht zu vergessen- Babyschwimmen. Das ist selten spektakulär, lässt sich aber gut bewältigen und macht mir recht viel Spaß. Da im Moment Qs Großmutter aus den USA zu Besuch ist wird das Ganze auch selten langweilig, da ursprünglich aus Spanien stammt und dies in ihrem Temperament nach außen zu tragen pflegt.

Sie findet IMMER ein Thema, über das es sich zu sprechen lohnt… Immer. :)

Das liegt mir wiederum sehr, da ich so lerne, Pekapies zu backen, eine Einführung in spanische Geschichte und amerikanische Lebensart erhalte und in Lobgesänge über Europa einstimmen kann. Nebenbei lernt Q Laufen und ich Englisch sprechen. Beides geht mal besser, mal schlechter aber hoffentlich vorwärts.


Und an meinen freien Tagen staune ich.

Über Melbourne, die Stadt, deren Formel-1 Strecke ABSOLUT unspektakulär ist, die Stadt, in der man Schuhe auf die Leine hängt, in Casions Flip Flops trägt und auf Liegestühlen dem Pferderennen huldigt. Darüber, dass Postkarten ohne Briefmarke tatsächlich in Deutschland ankommen und nur DREI Tage brauchen. Und weiterhin über die Schönheit dieses Landes, die so schwer fassbar ist. Am Wochenende in Wilsons Promontory, einem Nationalpark 300 km südöstlich von Melbourne.


Über einen kleinen Umweg bin ich an eine freundliche Gemeinde geraten, die mich jeden Sonntag neu begeistert. So hab ich eine Handvoll verrückter Australier kennen gelernt, die mich einladen, vorstellen, mitschleppen, ausfragen, die "Schnie Schna Schnappi..." singen können und sich mit "99 Luftballons" in die Ekstase treiben lassen :D (Dabei kenne ich den Text noch nicht mal wirklich. Ist aber egal. Solange es sich deutsch anhört, könnte ich denen wohl ALLES vorsingen!)


Mit ihnen war ich nun in erwähntem Nationalpark Zelten…




..habe die Auswirkungen der Buschfeuer im Februar gesehen, die Sonne genossen, bin auf quietschenden Stränden gelaufen und habe 1000 winzige Krabben um mich herum aus dem Sand krabbeln sehen. Ich bin in sengender Hitze gewandert und habe beschlossen, mir einen Aussie-Sonnenhut zu kaufen. Ich habe knallgrün-rote Papageien gesehen und ein hungriges

Wombat, das um das Zelt schnaufte - in der Hoffnung, etwas von unserem Essen zu erbeuten. Das hat es zwar nicht geschafft,

mich aber in der Nacht um den Schlaf gebracht, da ich jedes Mal, wenn sich etwas im Zelt regte, die "Wombat-ich-werde-dich-erlegen-Haltung" einnahm. Man hatte mir nämlich nicht nur eingeredet, dass es böse Koalas gäbe, die sich von den Bäumen auf Menschen stürzten um sie zu töten, sondern auch, dass Wombats nachts in Zelte einbrächen, um mein (nicht vorhandenes) Essen an

sich zu reißen. Ich habe beides geglaubt (und bin im Falle der Koala-Geschichte nicht mal stutzig geworden, als sie mir verrieten, dass das geheime Abwehrmittel gegen den "Drop-Bear-Angriff" sei, sich australischen Brotaufstrich hinter die Ohren zu schmieren… Ich hab immer nur "really" gequietscht und mich wohl total zum Ei gemacht… Naja… ist der Ruf erst ruiniert…) und habe nachts seeeehr schlecht geschlafen.


Dafür konnte ich den Sternenhimmel sehen. Den, der südlichen Hemisphäre. Ohne die Lichter der Stadt. Er schüttete sich über mir aus - unendlich viele Sterne… bis zum Horizont. Ich stand minutenlang da. Sprachlos. Die Augen zum Himmel gerichtet: Wie klein wir doch sind.


Und dann kam er… der große Moment. Steffi, der Ozean und das Surfboard.

Zu verdanken hatte ich all das Nathan, der am Samstag nachkam und tatsächlich ein Surfboard auspackte. Ein echtes Surfboard… Meine Chance! Ich musste ihn gar nicht lange überreden. Er sah meinen hypnotisierten Blick, grinste mich an, drückte mir das Board und seinen "Rushi" in die Hand und schon waren wir auf dem Weg in das a…kalte Wasser. Ich gebe zu, ich habe es nicht geschafft, aufzustehen. NOCH nicht! :D Dazu war das Board zu kurz, die Wellen zu klein und das Wasser zu kalt. Aber ich habe alles gegeben, zwei drei Wellen gekriegt und immerhin meine Knie auf das Brett bekommen. DAS war nur der Anfang… gebt mir 6 Monate und DAAAANN...! :)

Dennoch merke ich, dass die Menschen und die Sprache ungewohnt und neu sind. Es fällt manchmal schwer, auszudrücken, was ich denke. Hin und wieder ringe ich nach Worten, suche nach dem richtigen Begriff und werde nicht immer verstanden. Somit ist es nicht so einfach, am Gespräch teilzuhaben… ich selbst zu sein. Oft sitze ich da und beobachte, höre zu und versuche dennoch an der Gemeinschaft teilzuhaben. Gar nicht so einfach. Das, was mir am Meisten fehlt, ist all das, was ich sehe, mit denen, die mir vertaut sind, zu teilen. Heimat als der Ort an dem man mich kennt, so wie ich bin, ist und bleibt etwas Besonderes. Auch in Wilsons Prom… :D


Zu viele Bilder für den kleinen Blog. Und zu viel Schönheit für meine Fotos. Daher wieder die Entscheidung für ein kleines Video und der Versuch, das Erlebte mit euch zu teilen.

So gut ich kann.